Die zweite Seillänge, eine ausgesetzte 7b-Platte, bewältigte ich problemlos. Die Schlüsselseillänge, Nummer fünf, bewertet mit 8b beziehungsweise 8a+, erwies sich jedoch als deutlich komplizierter als erhofft. Ein 45-minütiger Kampf im Rope-Solo-Modus brachte mich bis zur Hälfte des berühmten Dachs am Ende der Seillänge, bevor ich einen großen Sturz hinlegte. Damit war das ehrgeizige Ziel einer Onsight-LRS-Begehung gescheitert.
Beim zweiten Versuch kam ich über das Dach hinaus, ich schaffte es, stand kurz vorm Durchstieg! Oder doch nicht…? Das lose Seilende hatte sich zwanzig Meter unter mir in einem Riss verklemmt. Dadurch konnte das Seil nicht mehr durch das Sicherungsgerät laufen, es zog mich nach unten, und ich musste ablassen. Wieder scheiterte ich, diesmal am LRS-System selbst.
Zurück am Beginn der fünften Seillänge war ich erschöpft, es war heiß. Im Tal, in Courmayeur, schmolzen die Autoreifen auf dem glühenden Asphalt, es waren 36 Grad Celsius. Meine Kletterschuhe schmolzen förmlich auf diesem heißen Granit auf rund 3500 Metern Höhe an der Südwand. Ich war von der Hitze ausgelaugt, meine Augen brannten. Zudem ging mir bereits das Chalk aus. Ja, ihr dürft lachen, aber ich bin ein absoluter Chalk-Junkie, und um hart und selbstbewusst zu klettern, brauche ich mein Pulver. Ich kletterte diese beiden Versuche ziemlich unbeholfen, ich bin einfach nicht dafür gemacht, in der Sonne zu klettern! Aber wer hätte gedacht, dass es auf 3500 Metern Höhe so heiß werden würde? Ich machte ein Nickerchen, im Gurt hängend, den Kopf auf den Haulbag gelehnt. Als ich aufwachte, lag die Seillänge im Schatten. Es war fast 15 Uhr, und es erschien unwahrscheinlich, den Gipfel noch am selben Tag zu erreichen. Ich bereitete mein LRS-Setup vor und startete einen weiteren Versuch. Diesmal lief alles perfekt. Die Energie des Schattens war zurück. Geschmeidig überwand ich das Dach und kletterte die Schlüsselseillänge erfolgreich durch. Doch der Tag war noch nicht vorbei, auch die Seillängen sechs und sieben musste ich schließlich im Rotpunktstil klettern. Das Onsight-Klettern auf diesem Granit war schwieriger als erwartet. Meine Selfie-Interviews wurden immer weniger optimistisch, die Insta360 entwickelte sich zu einem imaginären Partner, bei dem ich mich ausheulen konnte. Erst um 19 Uhr erreichten mein Haulbag und ich das Band nach der siebten Seillänge. Sofort wusste ich, dass die Mitnahme meiner Übernachtungsausrüstung die richtige Entscheidung gewesen war. Genau dieses Solo-Abenteuer hatte ich gesucht. Ich verbrachte eine großartige Nacht, eingerollt in meinem Schlafsack und voller Begeisterung, so sehr, dass ich kaum schlafen konnte. Ich betrachtete die Sterne und genoss meine erste einsame Nacht in einer Felswand.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich besser, nicht großartig, aber besser. Es blieb die Tatsache, dass ich am Vortag in fast jeder Seillänge ordentlich einstecken musste. Ich hatte wirklich gedacht, ich hätte bessere Chancen, fast jede Seillänge im Onsight zu klettern.
Nach einigen Drohnenaufnahmen, Selfie-Interviews und Gesprächen mit Bernardo und Julien begann der zweite Klettertag. Ich änderte meine Strategie, in der zehnten Seillänge, dem 7c+-„Frühstück“, ließ ich mir Zeit und arbeitete zunächst die Bewegungen aus. Gut aufgewärmt und selbstbewusst gelang mir die Seillänge im zweiten Versuch. Die elfte Seillänge (7b+) überraschte mich. Eine diagonale Passage mit großen Sicherungsabständen brachte mich an meine Grenzen. Obwohl ich früh gestartet war, wurde die Wand rasch wieder heiß. Ohne Chalk und mit weichem Gummi an den Schuhen vertraute ich weder meiner Haut noch meinen Füßen. Die Drohne summte um meinen Kopf, und mir war bewusst, dass dies die ästhetisch schönste Seillänge für den Film sein würde. Das machte mich noch nervöser, eigentlich hätte ich jetzt alles geben sollen – stattdessen stürzte ich.
Etwas genervt darüber, erneut in einer vermeintlich „leichten“ Passage zu fallen, startete ich einen zweiten Versuch und konnte die Länge erfolgreich klettern. Immerhin war das Produktionsteam mit den Aufnahmen zufrieden. Auch das gehört zum Job. Der Weg zum Gipfel war anschließend einfach magisch: eine exponierte 6b-Gratkletterei, gefolgt von noch mehr hochwertigem Fels.
Um 11 Uhr stand ich auf dem Gipfel, stolz auf mein Projekt – eine Rope-Solo-Erfahrung, verbunden mit einer Filmproduktion. Die Kletterei war erfolgreich abgeschlossen, das Filmen jedoch noch nicht.