Untersucht wurde der Einfluss kleiner metallischer Umlenkradien auf die Festigkeit textiler Anschlagmittel nach EN 566/795. Zugversuche zeigen, dass die Normfestigkeit nur bei Umlenkradien ≥ 10 mm erreicht wird. Karabiner verursachen meist nur geringe Reduktionen, abhängig von Größe und Geometrie. Deutlich stärkere Festigkeitsverluste treten bei kleinen Radien wie Bohrhakenlaschen, Drahtkabeln insbesondere bei Verbindung mit Ankerstich auf. Mit abnehmendem Radius und ungleichmäßiger Auflage sinkt die Höchstzugkraft signifikant.

Im Bergsport sowie beim Thema Absturzsicherung in der Arbeitssicherheit stellt sich häufig die Frage, ob textile Anschlagmittel direkt durch metallische Fixpunkte gefädelt werden können oder ob zur Schonung des Textils Karabiner erforderlich sind. Ziel dieser Untersuchung ist es, den Einfluss kleiner Umlenkradien von unterschiedlichen von Anschlagpunkten auf die Höchstzugkraft textiler Anschlagmittel systematisch zu quantifizieren.

Bild: Beispiele für Verbindungen zwischen Fixpunkten und textilen Anschlagmitteln im Bergsport und in der Arbeitssicherheit. 

Methode

Die Versuche wurden an einer Zugprüfmaschine mit einer Geschwindigkeit von 500mm/Min durchgeführt. Als Referenz diente die normgerechte Prüfung nach EN 566 und EN 795, bei der Schlingen und textile Anschlagmittel über zwei Stahlbolzen mit 10 mm Durchmesser belastet werden. Anschließend wurden identische textile Anschlagmittel über unterschiedliche metallische Anschlagpunkte geführt (Karabiner, Bohrhakenlaschen, Drahtkabel, Ankerstich). Untersucht wurden eine 25 mm breite Polyamid-Schlinge (X-Tube), eine 16mm Polyester Schlinge (PES 3R Sling), eine 12 mm Schlinge mit HMPE-Kern und Polyester-Mantel (Tec Web Sling), eine 8 mm HMPE Schlinge (Dyneema Sling), eine 6 mm Schlinge aus Rundmaterial mit Aramid Kern (Aramid Cord) sowie eine 6 mm Schlinge aus Rundmaterial mit HMPE-Kern. Die ermittelten Höchstzugkräfte wurden mit der Referenz verglichen.

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass textile Anschlagmittel ihre deklarierte Festigkeit nur dann erreichen, wenn sie über Umlenkradien von mindestens etwa 10 mm belastet werden. Mit abnehmendem Radius und nicht parallelen Auflageflächen nimmt die Festigkeitsreduktion signifikant ab. Karabiner führen – abhängig von Geometrie und Größe – meist nur zu geringen Reduktionen, während direkt gefädelte kleine Metallradien (z. B. Bohrhakenlaschen oder Drahtkabel) die Höchstzugkraft massiv verringern. Ein Ankerstich stellt eine zusätzliche Schwächung dar. Breitere Schlingen reagieren empfindlicher auf ungünstige Geometrien. Zwischen den Materialien gibt es Unterschiede, die Tendenzen der schwächenden Effekte sind jedoch sehr ähnlich. Bei den Ergebnissen handelt es sich ohnehin um Beispiele, die die Größenordnung der Schwächungseffekte veranschaulichen. Die genaue Reduzierung hängt von der exakten Geometrie des Umlenkpunkts ab.

Für die Praxis bedeutet dies, dass die Entscheidung, ob ein Anschlagpunkt direkt gefädelt werden kann oder ob besser ein Karabiner/Verbindungselement eingesetzt wird, von der erforderlichen Festigkeit abhängig ist. Im Bergsport beispielsweise sind Kräfte am Stand von über 12 kN (maximaler Fangstoß von Einfachseilen nach EN 982) auszuschließen und Kräfte von über 7 kN sind nicht zu erwarten. Deshalb ist es üblich, an alpinen Ständen Felshaken nach EN 569 direkt zu fädeln, in Keilen mit Drahtkabel nach EN 12270 jedoch Karabiner zur Verbindung textiler Anschlagmitten einzusetzen. Dies basiert auf einer Abwägung zwischen Festigkeitsanforderungen und schwächenden Effekten von Anschlagpunkten. Zu beachten ist, dass in den Versuchen neue Schlingen und Anschlagmittel zum Einsatz kamen. Alterungseffekte können die Ausgangsfestigkeit von Textilien herabsetzen und die Schwächungseffekte kleiner Radien an Anschlagpunkten noch verstärken.